Fragt man Menschen, was unser größtes Organ sei, wird meist als erstes die Haut genannt. Diese bedeckt schließlich unseren kompletten Körper. Im Durchschnitt kommt sie bei einem erwachsenen Menschen auf eine Fläche von etwa 2 Quadratmetern. Das klingt nach viel. Da geht aber noch mehr. Die Lunge beispielsweise hat bereits eine Fläche, die etwa 50 Mal so groß ist und erreicht damit rund 100 Quadratmeter. Dies liegt an den feinen Verästelungen. Im Vergleich zu unserem größten Organ ist das jedoch noch immer wenig. Der Darm erreicht durch seine Ausstülpungen und feinsten Strukturen eine Oberfläche von 400 bis 500 Quadratmetern. Das entspricht der Größe von gut zwei Tennisplätzen – ohne Berücksichtigung der Auslaufflächen.
Gregor Hasler, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Freiburg, schreibt in seinem Buch „Die Darm-Hirn-Connection“ folgendes über den Darm: „Am Anfang war der Darm. Im Darm entwickelte sich das Hirn. Störungen der Darm-Hirn-Connection tragen zu den häufigsten Krankheiten bei, welche die Lebenszeit massiv verkürzen: Übergewicht, Diabetes und Herzkrankheiten. Sie führen aber auch zu psychischen und neurologischen Krankheiten wie Ess-Störungen, Depressionen, Autismus, posttraumatische Belastungsstörung, Schizophrenie und Demenz“.
Der Zusammenhang zwischen dem Zustand des Darms und Krankheiten ist sehr beachtlich. Besonders spannend am obigen Zitat ist, dass Hasler vom Darm als Anfang spricht. Aus evolutionärer Sicht ist dies nachvollziehbar. Tatsächlich war zuerst der Darm, das Bauchhirn, vorhanden. Das Gehirn entwickelte sich erst später. Wächst ein Fötus im Mutterleib heran, so entwickeln sich Darm und Gehirn aus dem gleichen Keimblatt. So gesehen wäre unser Darm nicht das zweite Gehirn, wie er oft genannt wird, sondern unser erstes. Sowohl Darm als auch Gehirn verfügen über ähnliche Nervenstrukturen, einem Schmerzgedächtnis, ja selbst Geschmackssensoren kommen im Darm vor.
Darm und Erkrankungen
In unserem Darm leben geschätzt bis zu 100 Billionen Mikroben. Das entspricht etwa der Zahl der menschlichen Zellen im gesamten Körper. Allein das Darmmikrobiom bringt es damit auf ein Gewicht von 2 bis 2,5 Kilogramm. Das durchschnittliche Gehirn eines erwachsenen Menschen wiegt etwa 1,3 Kilo. Inzwischen sind über 1.000 verschiedene Bakterienspezies bekannt, die in unserem Darm leben. Wie oben bereits gesehen, besteht bei vielen Krankheiten ein Zusammenhang mit unserem Darm. Immerhin befinden sich im und um den Darm etwa 80 Prozent unseres Immunsystems.
Im Folgenden ein paar Beispiele: Viele Menschen tragen das Varizella Zoster Virus in sich. Das ist jener Virus, der Windpocken auslöst. Nach durchlebter Erkrankung versteckt sich dieses Virus im Nervensystem. Wird es im Alter reaktiviert, beispielsweise aufgrund eines geschwächten Immunsystems, kann es Gürtelrose auslösen. Dieses Virus kann sich jedoch auch in Darmnervenzellen verbergen. In diesem Fall kann das Virus nach Reaktivierung eine Verstopfung fördern. Wenn Sie also einmal nicht erklärbare Probleme beim Stuhlgang haben und als Kind an Windpocken erkrankt waren, lassen Sie Ihren Arzt einmal prüfen, ob dieses Virus wieder aktiv ist, bevor Ihnen Abführmittel verschrieben werden.
Als klassische entzündliche Darmerkrankungen sind Colitis Ulcerosa und Morbus Crohn bekannt. Werden viel frittierte Fette verzehrt, kann dies zu einer Entzündung der Darmausstülpungen, der Divertikel, führen, dann liegt eine sogenannte Divertikulitis vor. Einer der Gründe hierfür ist, dass diese frittierten Fette nicht richtig abgebaut werden können.
Immer häufiger entdecken und vermuten Neurologen, dass klassische Erkrankungen des Gehirns ihren Ursprung im Darm haben können. Hier seien Depressionen, bipolare Störungen, Schizophrenie, Autismus, Parkinson und Alzheimer genannt. Deshalb arbeiten Neurologen immer häufiger mit Gastroenterologen zusammen. Gerade bei Alzheimer gibt es einen Zusammenhang mit einer nicht artgerechten Ernährung und stillen Entzündungen über Jahrzehnte hinweg. Deshalb wird diese Erkrankung auch als eine Art von Diabetes bezeichnet. Auffallend häufig leiden Parkinson- und Alzheimer-Patienten an Verstopfungen. Wieder ein Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Kopf- und Bauchhirn.
Leaky Gut – der löchrige Darm
Viele Menschen leiden, ohne es zu wissen, an einer geschwächten Darmbarriere. Zellen der Darmschleimhaut, die Enterozyten, werden durch eine Art von Schleuse abgedichtet, den Tight Junctions. Diese sorgen dafür, dass nur solche Stoffe die Darmschleimhaut passieren und in den Blutkreislauf eintreten können, die dort auch hin sollen. Beispielsweise Vitamine.
Bestimmte Umstände können nun dazu führen, dass diese Schleusen längerfristig geöffnet sind. Wer ständig unter Stress leidet, schüttet viel Cortisol, das Stresshormon, aus. Kurzfristig war das bei Gefahr evolutionär sinnvoll. Steht man jedoch unter Dauerstress, können die Tight Junctions durchgehend geöffnet sein und nun Erreger und unverdaute Nahrungsbestandteile in den Blutkreislauf gelangen. Das alarmiert das Immunsystem und beschäftigt es ständig. Langfristig kann dies zu Müdigkeit, vernebeltem Gehirn (foggy brain), Erschöpfungszuständen, höherer Infektanfälligkeit, stillen Entzündungen und Autoimmunerkrankungen führen.
Auch Gluten kann so in Gelenke eindringen und Rheuma auslösen. In diesem Fall müssen nicht zwangsläufig erhöhte Entzündungswerte im Blut vorhanden sein. Leiden Sie also unter Rheuma und der Arzt ist aufgrund mangelnder Entzündungswerte im Blut etwas ratlos, dann lassen Sie Ihren Darm einmal auf leaky gut testen. Das geht beispielsweise mit einer Stuhlanalyse, bei der die Werte von Alpha-1-Antitrypsin, Calprotectin und Zonulin gemessen werden.
Kommen vermehrt Antibiotika zum Einsatz, können diese die Darmbalance stören und förderliche Darmbakterien abtöten. Handelt es sich dabei um jene, welche die Darmschleimhaut mit Nährstoffen, wie dem Salz der Buttersäure, Butyrat, versorgen, so wird diese geschwächt und kann ebenfalls löchrig werden.
Heuschnupfen kann im Darm beginnen
Wie oben bereits erwähnt, können durch eine geschwächte Darmbarriere auch Autoimmunkrankheiten ausgelöst werden. Das beginnt bereits bei Heuschnupfen und kann sich bis zu dramatischeren Erkrankungen wie Multiple Sklerose und Hashimoto ausweiten. Beim letzteren greift das eigene Immunsystem das Gewebe der Schilddrüse an, wodurch diese geschädigt wird.
Viele Seminarteilnehmer des Autors berichten, dass nach einer artgerechten Ernährungsumstellung Allergien deutlich besser geworden oder sogar komplett verschwunden sind. Durch diese Ernährungsumstellung mit komplexeren Kohlenhydraten, Ballaststoffen und geringerem Zuckeranteil kann die Darmbesiedlung wieder in Balance kommen und die Darmschleimhaut wird gestärkt.
Einfluss von Medikamenten auf den Darm
Bei Medikamentenwerbung kommt stets der bekannte Spruch „zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“. Beschäftigen wir uns im Zusammenhang mit dem Darm und Erkrankungen einmal mit diesen Nebenwirkungen und betrachten wir deren Ursachen.
Häufig kommen Schmerzmittel wie Aspirin, Voltaren, oder Diclofenac zum Einsatz. Diese können zu Magenschleimhautschädigungen, Gastritis oder Magengeschwüren führen, wenn diese über längere Zeit eingenommen werden. Um das zu verhindern, werden Magenschutztabeletten wie beispielsweise Pantoprazol oder Omeprazol verschrieben. Diese reduzieren nun die Magensäureproduktion und können langfristig zu einer reduzierten Calcium-Aufnahme im Darm führen und den PH-Wert im Darm verändern. Entspricht der PH-Wert nicht mehr der natürlichen Situation, können bestimmte Mineralien, wie Magnesium, nicht mehr optimal vom Körper aufgenommen werden.
Magnesium ist an über 300 Stroffwechselprozessen beteiligt. Unter anderem an der Umwandlung von Tryptophan in Serotonin, dem sogenannten Glücks- oder Chef-Hormon. Bei vorliegenden Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen werden häufig Mängel dieses Hormons gemessen. Weiterhin können die oben genannten Medikamente bei langfristiger Einnahme die Balance der Darmbesiedlung stören.
Statine zählen in Deutschland zu den am häufigsten verschriebenen Medikamentengruppen. Diese hemmen bei längerer Einnahme die Produktion des Co-Enzyms Q10. Das ist unter anderem relevant für die optimale Funktionsweise der Zellkraftwerke, der Mitochondrien. Liegt ein Q10-Mangel vor, kann dies zu Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Schwäche und Erschöpfung führen. Genau das wird als Nebenwirkungen erwähnt. Befindet man sich in diesem Kreislauf, ist man weniger stressresistent. Erhöhter, andauernder Stress führt wiederum, wie oben beschrieben, zu einer erhöhten Ausschüttung von Cortisol mit den entsprechenden Folgen auf den Darm und dessen Besiedlung.
Leidet man häufiger unter Verstopfung, werden oft Abführmittel eingenommen. Diese Medikamente stören jedoch durch vermehrte und beschleunigte Ausscheidung das Gleichgewicht der Elektrolyte und können zu Kalium-, Calcium-, Magnesium- und Natrium-Mängeln führen. Außerdem wird die Aufnahme und Verwertung von Folsäure gestört, was zu Entzündungen im Mund- und Darmbereich führen kann. Sind diese Schleimhäute entzündet, ist deren Schutzbarriere geschwächt und Erreger können in den Blutkreislauf gelangen.
Folgen einer Störung der Darmbalance
Wie bereits in dem Beitrag Schädliches bekämpfen oder Gutes stärken beschrieben, sollten wir uns von der Vorstellung von „bösen“ und „guten“ Darmbakterien lösen. Es geht vielmehr um die Balance dieser Bakterien, die in uns leben. Eine der bekanntesten Bakterienarten des Darms ist Escherichia coli (E. coli). Zu einem bestimmten Grad ist deren Vorhandensein im gesunden Darm völlig normal. Liegt jedoch eine Fehlbesiedlung vor und ist deren Zahl zu hoch, so kann es zu allergischen Beschwerden kommen. Denn E. coli kann Histamin produzieren.
Gleiches gilt, wenn im Darm zu viele Clostridien vorkommen. War man bisher völlig frei von Unverträglichkeiten und treten diese nun plötzlich auf, oder verstärken sich vorhandene, so muss es nicht unbedingt am Genuss von zu viel Rotwein, Tomaten oder lang gereiftem Käse liegen (beides histaminhaltige Lebensmittel), sondern möglicherweise an einer Fehlbesiedlung im Darm. Hier gilt es, die Balance wiederherzustellen.
Milchsäurebakterien
Ebenfalls sehr bekannt sind die Bifodibakterien und die Lactobacilli. Hierbei handelt es sich um Milchsäurebakterien, die als Probiotika in Joghurt, Kefir und milchsauer vergorenen Lebensmitteln wie Sauerkraut, Miso und ähnlichem vorkommen. Diese Bakterienarten dichten die Darmschleimhaut durch Bildung einer Barriere ab. Damit reduziert sich das oben erwähnte Risiko eines leaky gut. Weiterhin senken diese Mikroben den PH-Wert im Dickdarm ab, wodurch Salmonellen und Fäulnisbakterien zurückgedrängt werden.
Bifidobakterien schütten Bifidin aus. Dabei handelt es sich um ein Toxin, welches das Wachstum von Listerien und Clostridien reduziert. Letztere wurden oben im Zusammenhang mit Histamin bereits erwähnt. Befidobakterium infantis kann sogar Tryptophan herstellen. Dies ist die Vorstufe für die Produktion des oben erwähnten Serotonins im Gehirn. Somit können Darmbakterien also direkt Einfluss auf unsere Psyche nehmen und mit wie viel Elan wir unser Leben meistern. Über 90 Prozent des im Körper vorkommenden Serotonins wird jedoch nicht im Gehirn produziert, sondern im Darm. Dieser benötigt es unter anderem für die Darmbewegung, welche den Speisebrei fortbewegt. Ist nun jedoch zu wenig Serotonin im Darm vorhanden, wird dieser träge, wodurch pathogene Erreger langsamer ausgeschieden werden und sich stärker vermehren können. Damit erhöht sich auch das Risiko, dass die Erreger durch die Darmschleimhaut gelangen können.
Darm, Mikrobiom und Immunsystem
Sind zu viele Krankheitserreger im Verdauungsstrakt, oder ist die Darmbesiedlung aus dem Gleichgewicht geraden, können Immunzellen des Darms Zytokine produzieren. Diese steuern Entzündungsprozesse im Körper. Werden nun viele proentzündliche Zytokine ausgeschüttet, kann das wieder zu den oben erwähnten stillen Entzündungen führen. Über Jahre hinweg können so die heutigen Zivilisationskrankheiten entstehen. Bauch- und Kopfhirn stehen über den Vagusnerv im direkten Kontakt. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Immunzellen vom Darm aus über diesen Vagusnerv direkt in das Gehirn gelangen können. Hier vermutet man einen der möglichen Auslöser der bei Alzheimer vorkommenden Amyloid-Plaques. Dabei könnte es sich auch um Abfallstoffe entzündlicher Abläufe im Gehirn handeln. Das ist noch nicht abschließend erforscht.
Tipps für ein gesünderes Leben
Wie wir gesehen haben, besteht ein großer Zusammenhang zwischen Darm, Mikrobiom und unserem Immunsystem. Folgende Tipps können Ihnen dabei helfen, sich möglichst darmgesund zu verhalten:
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